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Zum Thema: Heinrich Wagner Als ich Heinrich Wagner vor einigen Jahren kennenlernte, war sein Oevre zwar umfangreich und qualitativ hochwertig, er hatte sich Jahre zuvor geschworen, nie wieder einen Pinsel, geschweige denn eine Tuschfeder in die Hand zu nehmen, ein Entschluss, der von Wagner Kennern (damit sind nicht die Musikliebhaber gemeint) und solchen, die sich dafür halten, nicht sonderlich ernst genommen, von ihm jedoch lange Zeit tatsächlich befolgt worden war. Es sah damals so aus, als ob sein künstlerisches Schaffen bereits eine, wie er es nennen würde, verlassene Stufe der Reflexion darstellen sollte. Der Umschwung kam 1979, und er kam langsam. Es begann damit, dass plötzlich kleine Bleistiftzeichnungen auftauchten, etwas später waren es Tuscheskizzen, schließlich die ersten "richtigen" Bilder. Aus diesen Gehversuchen im zweiten Anlauf entwickelte sich eine regelrechte Arbeitswut, die bis zu Wagners ersten Ausstellung im Jänner 1980 anhielt. Es war, als ob seine jahrelang gespeicherte Kreativität nun, da ihr freier Lauf gelassen wurde, überschiessend hervorbräche, als ob das gesamte Potential an Ideen nun festgehalten und bestimmt sein wollte. Man könnte nun glauben, dass Heinrich Wagner sich in dieser Zeit völlig zurückzog, um bei Mineralwasser und Knäckebrot mit äusserster Konzentration ein Thema nach dem anderen auf Leinwand oder Papier zu bannen. Tatsächlich ist dies zwar seine Wunschvorstellung von kreativem Schaffen, und in jüngster Zeit entstanden auch mehrere Werke auf diese Art und Weise, bedingt durch äussere Umstände seht sein Arbeitsstil jedoch meist anders aus. Viele Bilder entstanden teilweise oder vollständig im Verlauf von Diskussionsrunden, im kleinen Kreis bei ungezuckertem Kaffee oder vor dem Fernsehapparat. Anregung, zum Beispiel durch Wortspiele oder durch die Fernsehwerbung wurden (und werden) sofort in die entstehenden Werke eingearbeitet. Dadurch entstehen die für Heinrich Wagner so typischen plurizentrischen Bilder. Diese zu beschreiben ist fast unmöglich, sie zu interpretieren schwierig; Wagner ist nicht Spitzweg. Der Künstler selbst lässt sich nicht in seine Karten schauen! Schon vor seiner ersten Ausstellung entspannen sich zwischen ihm und mir lebhafte Auseinandersetzungen über die Frage; sollen erklärende "Wegweiser" durch die Bilder aufgelegt werden, oder nicht. Der Künstler meinte "nein" und dabei blieb es trotz spitzfindiger Beredsamkeit meinerseits bis heute. Ein Grund dafür ist, dass seiner Überzeugung nach jede Erklärung, jede Erläuterung eines Kunstwerkes beim Betrachter die geistige Beschäftigung mit demselben, eigene Gedanken und Interpretationen in unzulässigem Maße einschränkt. Für Kunstkritiker und tatsächlich Interessierte gibt es allerdings noch die Möglichkeit, auf gelegentliche persönliche Erklärungen Heinrich Wagners zu warten, aber Godot kommt meistens nicht. Ein anderer Grund für die Zurückhaltung bei der Deutung seiner Bilder ist in der überzeugten antipositivistischen Haltung Wagners zu suchen. Es ist ihm unerträglich, die Ursachen für den Beginn der Arbeit an einem Kunstwerk und seine Gestaltung ausschliesslich in Daten, Fakten und äußeren Umständen, die scheinbar notwendigerweise ein bestimmtes Resultat zur Folge haben mußten, zu sehen. Gerade wenn man seine Fähigkeit auf stark affektbesetzte Momente während der Entstehung eines Bildes assoziativ zu reagieren und diese künstlerisch zu verwerten in Betracht zieht, ist es schlichtweg absurd, zu behaupten, Inhalt und Gestalt des Werkes wären voraussehbar gewesen. Wagners Themen sind überaus vielfältig. Oft finden sich bei ihm solche, die der Tiefenpsychologie und der Traumwelt entlehnt scheinen, Blicke nach innen, in denen sich phatastisch-groteske, manchmal heimelig-glimmende, dann wieder fettig-bleckende Formen mit Elementen der gegenständlichen Malerei verbinden. Andere Themen, mit denen er sich beschäftigt, sind Religion und Kirche, zu denen er eine kritisches Verhältnis hat, was auch in seinen Bildern zum Ausdruck kommt, die ihn aber immer wieder interessieren, mit denen er sich immer wieder aufs Neue auseinandersetzt. Heinrich Wagner ist ein humorvoller Mensch, mit einer Tendenz zum Skurrilen, zur Absurdität, mitunter zur Ironie und zur Boshaftigkeit. Man kann mit ihm stundenlang über ein Thema blödeln, es werden ihm immer neue, noch witzigere Aspekte, noch ausgefallenere Variationen einfallen; er ist in dieser Hinsicht völlig unberechenbar. Daß diese Eigenschaft oft auch Eingang in sein künstlerisches Schaffen findet, ist nicht schwer zu verstehen. So können in seinen Arbeiten, nach Art des Vexierbildes, an unerwarteter Stelle phallische Symbole auftauchen, so können ehrwürdige Gestalten durch einen nur ganz wenig übertriebenen Hüftschwung der Lächerlichkeit preisgegeben werden und dergleichen mehr. Diese Eigenschaft der ironischen Distanz sowohl in der Kunst, als auch der (eigenen) Kunst gegenüber, ist ebenso wertvoll wie selten; Heinrich Wagner besitzt sie. Nicht die Ernsthaftigkeit ist es, die allzu vielen Künstlern fehlt - obwohl auch sie angesichts der Scharlatanerie in der Kunst immer seltener wird - sondern in erster Linie ein Quentchen dieser ironischen Distanz. Welche Eigenschaft ist es also, die Herrn Wagner noch zum grossen, um nicht zu sagen, zum wahren Künstler fehlt? Ich bin versucht sarkastisch zu antworten: Der Erfolg! Welche Werte kommen bei ihm zu kurz? Versicherungswerte! Aber nicht zuletzt zur Behebung solcher Mankos ist diese Ausstellung schliesslich da.
(Christian Egger anlässlich der Eröffnung der Ausstellung in der Schifferkirche in Obernberg)
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